Den Klang berühren

In ihrer Kindheit hat Evelyn Glennie nahezu gänzlich ihr Gehör verloren.

„Touch the Sound“ – den Klang berühren. Darum geht es der faszinierenden Ausnahme-Percussionistin. Sie berührt die Klangkörper, die ihre Resonanz auf ihren eigenen Körper übertragen. Es geht also mehr um das Erfühlen denn um das Hören. Glennies Körper ist Resonanzkörper, sie nimmt die Schwingungen wahr, indem sie barfuss spielt. Für Evelyn Glennie ist Hören eine Form der Berührung. Wer nicht nur den Klang berühren möchte, sondern auch seine Seele berühren lassen möchte, der besorge sich diesen hochbeeindruckenden Film !

Musik wird sichtbar und fühlbar gemacht, eine Klangreise jenseits aller Vorstellungskraft und Konventionen.

Durch diesen Film erschliessen sich intensive Einblicke in die Welt der Gehörlosen und und in die Welt der Musik.

Herzschlag

Die ersten Sinneseindrücke für einen Menschen sind wohl Vibrationen, Rhythmen und Töne, lange bevor das Auge erwacht. Das eigene Herz verbindet uns mit der Welt – es ist unser individueller Taktgeber. Sein Schlagen erzählt von uns und unseren Krankheiten, von Ängsten und Sehnsüchten. Sein Rhythmus ist die wichtigste Maßeinheit der Musik. Die Beziehung von Puls und Musik ist wechselseitig und vielschichtig. Musik kann heilen, deprimieren, entfesseln und „aus dem Herzen sprechen“. Unser Herz verlangsamt oder beschleunigt sich zum Rhthmus der Musik, die wir hören. Der Körper scheint sich mit den Schwingungen der Umwelt zu synchronisieren. Wir sind eingebettet in ein Universum von Zyklen und Rhythmen.

Zeit

Zeit wahrzunehmen und zu erleben heißt auf diese Rhythmen hören. Unser Zeitempfinden hatte seinen Ursprung im Erfassen der Wiederholungen und Erneuerungen in der Natur. Tag und Nacht, Sommer und Winter, Saat und Ernte. Puls und Atem. „Alles hat seine Zeit“, diese alte Weisheit wird immer mehr verdrängt von einer standardisierten, normierten „Einheitszeit“. Zeit ist nicht länger individuell erlebbar, zyklisch wiederkehrend, flexibel in ihrer Wahrnehmung. Vielmehr lassen wir uns in das Diktat einer mechanischen, „unnatürlichen“ Zeit pressen. Wir zählen einen gleichförmigen, linearen Countdown ab, immer das ultimative „zero“ vor Augen. Wir zerlegen das Leben in kleine Planquadrate mit gleich großen Abständen. Die Bauweise von U-Bahnhöfen oder Hausfassaden, die Mittelstreifen der Straßen – digitalisierte Bits und Beats, eine statische Architektur der Geschwindigkeit.

Hören

Seit Renaissance und Aufklärung steht der Mensch im Mittelpunkt der Welt. Die Malerei erfand die Zentralperspektive, die den Standpunkt von Subjekt und Objekt definierte und damit das individuelle Ego manifestierte. Das Auge wurde das Werkzeug, mit dem der moderne Mensch seine Umwelt wahrnahm und entdeckte. Die Wissenschaft orientierte sich am sichtbaren Beweis: „Ich glaube was ich sehe“. Die Errichtung unseres modernen Weltbildes hatte die Abwertung unseres Hörsinnes bis hin zur „Tyrannei des Auges“ zur Folge. Heute wird nicht mehr erzählt, sondern gedruckt und gelesen. Das „Aufeinander-Hören“ wurde abgelöst von einsamen Bildschirmbetrachtungen und Internet-Chats.

 

Die Wahrnehmung des Auges ist fokussiert, man kann es richten und schließen. Das Ohr hingegen ist ungerichtet, nicht verschließbar, in seiner ganzen Anlage umfassender. Hören scheint ein ganzheitlicher, ein integrierender Prozess zu sein. Vielleicht könnte man auch sagen, dass das Ohr absichtsloser arbeitet. Das Ohr scheint uns eher mit der Welt zu verbinden, während das Auge uns individualisiert. Das Spiel mit den Sinnen. Hören wir Blätter rauschen, auch wenn wir sie eigentlich nur sehen? Fühlen wir den Bach, den wir nur hören?

Ist Rot laut oder leise?

Jeder Klang ist ein Universum für sich. Der erste Schlag, das feine Timbre, der Nachhall. Der Übergang in die Stille und die Stille an sich. Der Klang der Stille. Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der eine so fein ausgeprägte Sensibilität für die Qualität von Klängen hat wie Evelyn. Wenn sie ihrem fast zwei Meter großen Tam-Tam einen über mehrere Minuten langsam anschwellenden Ton entlockt, der den ganzen Körper wie eine Flutwelle zu erfassen scheint, ist das ein elementares Erlebnis. Mit ihr würde ich gerne tiefer eintauchen, in das unwahrscheinlich reiche Universum, das die Welt der Klänge eröffnet.

Thomas Riedelsheimer, Oktober 2001